Staatsfeind Nr. Nisto

Äthiopien: 05. – 17.04.2012

Pünktlich zur Mittagspause standen wir an der äthiopischen Grenze. Naja, dann warten wir halt, so verschanzten wir uns unter einen Baum in den Schatten. Zwei Stunden später waren wir an der Reihe, und begangen unseren grössten Fehler auf unserer bisherigen Reise.

Bei der Einreise sind GPS, Laptop und Kamera zu deklarieren.  Immer wird einem gepredigt, man soll seine Wertsachen nicht zur Schau stellen. Teilweise arbeiten die Banditen sogar mit der Polizei bzw. den Grenzbeamten zusammen. Und hier in einem der ärmsten Länder der Welt, wollen sie das sogar aufschreiben?! Natürlich wollten wir auch nicht lügen, also antworteten wir auf die Frage des Zöllners: Ob wir Kameras haben, wahrheitsgemäss mit ja. Da er keine näheren Angaben über die Anzahl haben wollte, äusserten wir uns diesbezüglich nicht. Nachdem alles notiert war, suchten wir uns ein Plätzchen zum Campieren auf dem Parkplatz eines Hotels und stürmten gleich das Restaurant. Wir bestellten typisch Äthiopisches Essen, was natürlich ohne Besteck geliefert wurde. Also schoben wir uns die Köstlichkeiten mit den Händen in den Mund. Auch am Abend schauten wir wieder vorbei. Diesmal gab es Kuh. Wir hatten zwar noch gehofft, dass er Rind meinte, aber nach dem ersten Bissen, starb unsere Hoffnung. Trotzdem war es sehr schmackhaft zubereitet.

Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg gen Norden, genauer gesagt nach Arba Minch an den Seen Abaya und Chamo. Die Strecke war wunderschön und sehr abwechslungsreich. Wir schlugen unsere Zelte auf einer Anhöhe auf, legten die Beine hoch und genossen die Aussicht. Die folgende Nacht war für Sonja jedoch alles andere als erholsam. Gleich mehrmals musste sie hinaus und die Toilettenschüssel umarmen. Auch am nächsten Morgen war nicht viel mit ihr anzufangen.  So entschieden wir uns, noch eine Nacht anzuhängen, während der Rest der Moyale-Road-Reisegruppe weitertuckerte. Als am späten Vormittag statt einer Besserung sogar Fieber einsetzte, zogen wir in ein Zimmer. Wir befürchteten, dass noch einmal die Malaria ausgebrochen sein könnte und starteten gleich mit dem Gegenangriff mittels Malarone.

Die nächsten zwei Tage verbrachten wir damit, die letzten Kilometer bis in die Hauptstadt Addis Abeba, hinter uns zu bringen. Da auch Markus in der Zwischenzeit an leichter Übelkeit litt, suchten wir noch am Ankunftstag das Krankenhaus auf. Sein Malariatest war Gott sei Dank negativ, bei Sonja vermutete man jedoch eine Lebensmittelvergiftung. Nachdem man uns mit diversen Mittelchen versorgt hatte, wurden wir wieder entlassen, und nach weiteren 48 Stunden war Sonja soweit wieder hergestellt, dass die Reise durch Äthiopien weiter gehen konnte. Wir verabschiedeten uns von den anderen Overlandern, die wir auf dem Camping Wims Holland House angetroffen hatten und steuerten in Richtung Lalibela. Diese Stadt, im Inneren der Bergwelt von Lasta, ist bekannt für ihre monolithischen Felsenkirchen aus dem 12./13. Jahrhundert, eine der bedeutendsten Manifestationen der äthiopischen Kultur. Für zwei Nächte quartierten wir uns auf dem Parkplatz eines Hotels ein und erkundeten die wunderschönen Kirchen mit ihren Labyrinthen aus Stein und Höhlen, Licht und Schatten, unförmigen Gängen und wunderbar klaren Formen. Die Eindrücke, die wir dort bekamen, sind unbeschreiblich.

Eigentlich gibt es im Norden Äthiopiens noch weitere Kirchen und wunderschöne Naturschauspiele. Da die Erkundung letzteres jedoch nur mit einem Guide möglich ist, was uns überhaupt nicht zusagte, steuerten wir direkt zum Lake Tana, genauer gesagt zur Stadt Gorgora. Hier hat sich ein holländisches Pärchen, Tim und Kim, niedergelassen und führt einen wunderschönen Community-Campingplatz direkt am See, dessen Einnahmen dem Dorf zu Gute kommen. Durch sie lernten wir auch die Familie des 2-jährigen Tebebe kennen. Das der kleine Junge noch lebt, kommt einem Wunder gleich. Er ist mit einer Hasenscharte geboren, bei der nicht nur die Lippe gespalten war, sondern auch der Gaumen. Ein Stillen oder Trinken aus der Flasche war kaum möglich. Erst nach 9 Monate wandten sich die Eltern verzweifelt an Kim, die sofort das Problem erkannten. Dank Spenden konnte der kleine Tebebe operiert werden und wächst nun zu einem freundlichen und offenen kleinen Jungen heran. Wir verbrachten einige Stunden in ihrem trauten Heim, wurden zu Cola, Bier und Popcorn eingeladen. Ausserdem kamen wir in den Genuss einer gemütlichen äthiopischen Kaffeezeremonie.

Nach diesen wunderschönen Erlebnissen mit den Einheimischen, machten wir uns auf den Weg zur sudanesischen Grenze. Pünktlich diesmal zum Ende der Mittagspause erreichten wir unser Ziel und unsere bisher frustrierensten 95 Stunden unserer Reise begannen. Nachdem Nisto den Stempel für seine Ausreise im Carnet erhalten hatte, wollten die Zöllner noch einen kurzen Blick in den Wagen werfen. Hierfür forderten sie Markus auf, die eine oder andere Rekabox zu öffnen. Dabei kam unsere zweite Kamera, die Unterwasserkamera, zum Vorschein und die Diskussion begann. Zwei Stunden versuchte Markus in Ruhe mit den Zöllner zu reden, aber nichts. In der Zwischenzeit hatten sie den Fall an das Hauptoffice  weitergeleitet. Diese würden nun entscheiden, was passieren soll. Wir nahmen Kontakt mit unseren Botschaften auf, die ihr Bestes versuchten, aber egal welches Schreiben an das Zollamt gesandt wurde, nichts schien sie zu einer abschliessenden Entscheidung zu bewegen. Es war ein Auf und Ab. Immer wieder versuchten wir uns aufzumuntern, schliesslich könnte es schlimmer sein. Aber es kam noch schlimmer, als uns die Deutsche Botschaft mitteilte, dass unser Fall in der Zwischenzeit bei der Behörde für die Staatssicherheit gelandet ist. Glaubte man tatsächlich wir seien Spione? Was würde mit uns passieren? Auch die Zöllner vor Ort waren in der Zwischenzeit nicht mehr zufrieden mit der Situation. Immer wieder wurden sie von den Anwohnern auf uns angesprochen, was wir denn hier machen würden, denn wir campierten natürlich direkt neben dem Zollbüro. Wir sprachen mit einigen Menschen und viele liessen durchblicken, dass sie die Behörden nicht verstehen können, warum keine Entscheidung gefällt wird. Auch machten sie sich Sorgen über den Einfluss dieser Geschichte für ihren Tourismus. Aber das alles lag nicht mehr in ihren Händen.

Dann kam der Tag an dem doch noch ein Wunder geschah. Markus fragte wie jeden Morgen, wie jede Stunde, nach dem aktuellen Sachstand. Gleichzeitig merkte er an, dass wir gerne weiterfahren würden. Man teilte uns mit, dass in der Hauptstadt gerade eine Sitzung gehalten würde. Um 12 Uhr erhielten wir dann eine gute und eine schlechte Nachricht: Wir dürften gehen, aber die Kamera bleibt zurück. In den nächsten Tagen würde jemand vorbeikommen, sie sich anschauen und entscheiden, ob uns die Kamera wieder ausgehändigt werden kann. Da wir unser Glück nicht aufs Spiel setzen wollten und uns auch die Botschaften dazu geraten hatten, jede Chance zu nutzen, das Land zu verlassen, packten wir innerhalb einer Stunde unsere Sachen zusammen, verabschiedeten uns von den lieben Menschen und fuhren in den Sudan. Zum Glück schaute dort niemand auf unseren Ausreisestempel, denn dann hätten sie gesehen, dass wir bereits vier Tage im Niemandsland waren.

Wie es uns im Sudan ergangen ist, dann ein Bisschen später.

Schwitzende Grüsse aus Wadi Halfa.

Markus und Sonja

Nachtrag:

Einen ganz besonderen Dank gilt Herrn Ammann von der Schweizer Botschaft, Frau Weber von der Deutschen Botschaft, Wim und Ron von Wims Holland House, die sich für uns auf den Weg zum Hauptzollamt in Addis Abeba gemacht haben, um unsere Situation abzuchecken, Abel vom Zollamt in Metema, der uns zwar in den Schlamassel reingeritten, aber zum Schluss alles versucht hat uns wieder rauszuboxen, sowie Dawit, ein Einheimischer, der sich rührend um uns kümmerte und uns immer wieder versuchte Hoffnung zu geben. Mit letztgenannten haben wir immer noch Kontakt, da bis heute keine Entscheidung gefallen ist.

 

Hier geht’s zu den Bildern...

Copyright © 2017 Auf zum Horizont. Alle Rechte vorbehalten.
Joomla! ist freie, unter der GNU/GPL-Lizenz veröffentlichte Software.
 

Sponsoren Links:

Befreundete Seiten:

Google Anzeigen: