Bei uns herrscht dünne Luft

Oruro, Potosí: 21.08. – 04.09.2010

Eigentlich kam unser verlängerter Aufenthalt in der Werkstatt zu einem für uns günstigen Zeitpunkt, denn vorangekommen, wären wir sowieso nicht. Während dieser Zeit, streikten in der ärmsten Region Boliviens, dem Bergbauzentrum Potosí, bereits seit einer Woche Tausende Minenarbeiter und Bauern für eine wirtschaftliche Entwicklung ihres Departamentos durch den Bau einer Zementfabrik und eines neuen Flughafens. Auch müsse die Regierung in La Paz in einem uralten Grenzkonflikt zwischen Potosí und dem benachbarten Departamento Oruro schlichten, in dem Gold, Uran, Kupfer und Lithium lagern.

Wie so etwas bei uns aussieht, kennen wir. In Bolivien herrschen jedoch andere Sitten. Hier werden Strassen blockiert. Dann ist oft kein rein- geschweige denn rauskommen mehr. Baumstämme, Busse, riesige Feuerstellen, Sprengstoff, Einwohner mit Steinen und Schaufeln bewaffnet, stoppen alles. Ausserdem drohte der Streit in diesem Fall zu eskalieren, als regierungstreue Gemeinden in Oruro, Überlandrouten sperrten. An kleineren Städten kann man sich möglicherweise noch seine Weiterfahrt erkaufen, aber bei einem in dieser Grössenordnung  macht man lieber einen Bogen. Auch wenn sie so mit Sicherheit keine Lösungen herbeirufen, wir können die Menschen verstehen. Bolivien ist reich an Bodenschätzen, aber eins der ärmsten Länder Lateinamerikas. Mit Ausnahme des Silberberges Cerro Rico scheint alles an andere Länder verkauft zu werden. Im ersten Halbjahr 2010 exportierte Bolivien mineralische Rohstoffe im Wert von 923 Millionen Dollar, so die nationale Statistikbehörde. Die Bürger sehen hiervon nichts. Nur auf Grund des Ausgehens von Lebensmitteln wurden die Blockaden nach 17 Tagen aufgegeben. Ausserdem hatten sich 3 Minister für Gespräche mit den Bürgeraktivisten bereit erklärt. Ob es den Einwohnern etwas gebracht hat? Wir wissen es leider nicht, wir würden es ihnen aber wünschen.

Nun konnte unsere Reise also weitergehen, zu einem unserer Höhepunkte in Südamerika, dem Salar de Uyuni. Die mit 12.106 qkm auf rd. 3.653 m.ü.M. grösste Salzfläche der Welt, ist aus dem Anden-Binnenmeer entstanden. Als der Ursee vor Jahrmillionen ausgetrocknete, blieb neben Altiplano-Seen auch diese Salzfläche zurück. Von den Einheimischen wird es „Weisses Meer“ genannt.

Vorbei am Vulkan Tunupa stürzten wir uns in die weissen Fluten und fuhren kreuz und quer gen Horizont. Nur der blaue Himmel, der grelle Boden und wir. Diese riesige Salzfläche ist einfach beeindruckend. Schnell verliert man hier die Orientierung. Aber dank GPS gingen wir nicht verloren. Neben dem Hinterlassen von Autospuren besuchten wir noch zwei Mitten im Weiss liegende Inseln, auf denen zahllose meterhohe und sehr alte Kakteen (ca. 1200 Jahre) wachsen. Ausserdem sollen hier Viscachas, eine Chinchilla-Art, leben. Und tatsächlich hatten wir Glück. Unser Abendbrot war gerade verschlungen, als Sonja für ein Sonnenuntergangsfoto um die Ecke schlenderte und fast in eines dieser Tierchen gerannt wäre.

Nach zwei Tagen auf dem Salar, steuerten wir wieder in Richtung Zivilisation. Vorher machten wir noch einen Abstecher zum alten Salzhotel, welches auf Grund Abwasserprobleme geschlossen wurde und zum Eisenbahnfriedhof. Die Zeit der Dampflok war mit dem Erfinden der Diesellok vorbei. Seit dem rosten ausserhalb der Stadt Uyuni unzählige Loks und Waggons vor sich hin. Unter anderem auch der erste Zug Boliviens und der Zug, der von Butch Cassidy und Sundance Kid überfallen wurde.

Aber das ist nicht alles was der Südwesten von Bolivien zu bieten hat. Das Gebiet zwischen Uyuni und chilenischer Grenze ist noch mit weiteren kleineren Salaren und wunderschönen Seen gespickt. Diese wollten wir natürlich nicht verpassen. Allerdings kamen wir nicht weit. Ein Nagel hatte sich mal wieder in einem unserer Reifen breit gemacht. Kein Problem, wäre uns das wichtige Werkzeug dabei nicht kaputt gegangen. Über eine Stunde versuchte Markus das Plug mit allen Mitteln in das Loch zu stopfen, bevor das gute Stück endlich ein Einsehen mit uns hatte und an der richtigen Stelle stecken blieb. So konnten wir wie geplant die nächsten 6 Tage in einer unwirklichen, mondähnlichen, bezaubernden Umgebung über 4.000 m.ü.M. geniessen. In der Zwischenzeit machte uns die dünne Luft keine Probleme mehr. Aber die Nächte wurden mit -15 Grad eisig kalt. Entschädigt wurden wir jedoch von zig unterschiedlich farbigen Lagunen, eine schöner als die andere, in denen Anden-Flamingos leben.

Nach diesem märchenhaften Ausflug ging es mit grossen Schritten in Richtung unseres letzten Zieles in Bolivien, der Stadt Potosí. Diese empfing uns mit grauen Himmel und Schneeregen. Aber wir trotzten der nassen Kälte und schlenderten durch die Gassen auf rd. 4.065 m.ü.M. Ihre Existenz verdankt die Stadt dem direkt hinter ihr liegenden Berg „Cerro Rico“. Im April 1545 fand man in diesem Silber. Bis 1660 wurden aus dem Berg 16.000 Tonnen, bis heute 46.000 Tonnen dieses Edelmetalls herausgeholt. Während der Silberstrom die leeren Kassen Spaniens füllte, starben bis zum 18. Jahrhundert  fast 8 Millionen Indigena in den Minen. Für sie war es der Eingang zur Hölle. Wer nicht in den Stollen verunglückte und starb, erlag früher oder später den unmenschlichen Arbeitsbedingungen oder der Vergiftung durch das Quecksilber, welches als Scheidemittel eingesetzt wurde.

Nachdem die Minen Anfang des 20. Jahrhunderts verstaatlicht wurden, übernahmen in den 80iger Jahren Kooperative der Bergarbeiter die alten Minen. Aber die Arbeitsbedingungen haben sich seit der Entdeckung des Silbers nicht geändert. Noch heute arbeiten die Kumpel mit Hammer, Meissel und Sprengstoff, welchen man legal auf den Märkten in Potosí erwerben kann. Nur selten sieht man andere Hilfsmittel, wie Presslufthammer. Die Waggons werden per Hand so schnell wie möglich durch die Gänge gestossen, die meistens nicht höher als 1 ½ m sind, denn Zeit ist Geld und davon fehlt es an allen Ecken und Enden. Auch die Sicherheitsvorkehrungen leiden darunter. Die Arbeiter kauen vor und während ihrer Arbeit Coca-Blätter bzw. trinken hochprozentigen Alkohol (96 %) damit die schwere Arbeit, die Angst vor Unfällen oder die Schmerzen erträglicher werden.

Auch wir hatten uns einer Tour von Ex-Minenarbeitern angeschlossen und krochen durch einen der rd. 300 Stollen. Immer wieder mussten wir in gebückter Haltung rennen um eine Ausbuchtung zu finden, damit die wagonschiebenden Männer vorbeikamen. Während wir uns mit Hals- und Taschentüchern versuchten vor dem Staub zu schützen, sind die Arbeiter diesem meistens schutzlos ausgeliefert. Hinzukommen diverse giftige Gase. Für uns Europäer ist es nur schwer vorzustellen, wie man sich „freiwillig“ so einer Gefahr aussetzen kann. Aber das deutlich bessere Einkommen lockt noch heute zig Bolivianer in die Stollen. Schnell wird vergessen, dass das zu erwartende Durschnittsalter eines Kumpels zwischen 30 und 35 Jahren liegt. Die häufigste Todesursache ist die Staublunge. Obwohl auch in Bolivien Arbeit Minderjähriger verboten ist, sahen wir sogar 15-jährige durch die engen Stollen hetzen. Auf schlammigen glitschigen Boden kroch bzw. kletterte man mit uns 80m in die Tiefe. Manchmal gab es nur einen kleinen Holzbalken, der über ein Loch führte. Wir waren froh nach einer Stunde wieder im Tageslicht zu stehen und grübelten noch so einige Tage über diesen Trip nach. So schnell werden wir dieses Erlebnis nicht vergessen.

Noch weitere zwei Tage brauchten wir zur Grenze um auch noch den nördlichen Teil Chiles zu bewundern. Diese Eindrücke dann im nächsten Bericht.

Bis bald.

Markus und Sonja

 

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