Das ist doch wohl der Gipfel

Puno, Arequipa: 11. – 25.09.2010

In der Zwischenzeit ist es bereits über ein Jahr her, seit dem wir den Grand Canyon in einem Tag runter und rauf gelaufen sind, unsere Taucherausrüstung inklusive Gewichte 200 Höhenmeter zum Ufer des Crater Lakes geschleppt haben und gegen 25 Knoten in der Johnsen Strait angepaddelt sind. Schon lange nichts Verrücktes mehr angestellt. Für Sonja eindeutig zu lang. So kam es, dass sich in ihr Köpfchen etwas Neues einschlich: Wenn wir schon so hoch oben sind, warum nicht einen 6.000der besteigen?!?

Lange musste auch gar nicht nach dem passenden Opfer gesucht werden. Der Nevado Chachani mit 6.075 m.ü.M. im Süden Perus sollte es werden. Aber vorher waren wir noch mit Marion und Mario in Puno, am Lago Titicaca, verabredet. Sie hatten genauso wie wir letztes Jahr Nordamerika bereist und waren jetzt in Südamerika unterwegs. Bevor jedoch Erlebtes und Tipps ausgetauscht werden konnten, musste Nisto noch in die Werkstatt. Eines der Hauptfederblätter war  auf der Strecke von der Grenze zum Lago Titicaca gebrochen. Ahaa, dann war das laute „Plong“ doch kein Stein, der gegen den Unterboden gespickt ist. Da wir aber die Südamerikaner als Allesreparierer kennengelernt haben, machten wir uns keine grossen Sorgen. Und tatsächlich, eine Stunde später hatte der beste Federblattschweisser der Stadt das Wehwehchen geflickt, und Nisto wurde wieder in die weite Welt hinausgeschickt.

Den nächsten Tag verbrachten wir mit Marion und Mario auf der Halbinsel Capachica fern ab von allen Touristen. Unsere Fahrt wurde von vielen grossen sowie kleinen Augenpaaren begleitet und auch der eine oder andere winkte uns lachend hinterher. So kam es, dass wir an unserem ausgewählten wilden Campingplatz mit Blick auf den Lago Titicaca, dem auf 3.810 m.ü.M. höchstgelegenen schiffbaren See der Erde, nicht lange allein blieben. In regelmässigen Abständen bekamen wir Besuch von Einheimischen, die uns ausfragten, aber auch viel über ihr Städtchen und die Umgebung erzählten. Sogar der „Bürgermeister“ mit seinem Vize schauten vorbei. Allerdings war dieser eher besorgt, dass es sich bei uns um eine geführte Touristengruppe handelt, denn das wollten sie nicht. Er erklärte uns, dass sie nicht so enden wollen, wie die Indigena auf den vorgelagerten Inseln, die sich für die tagtäglich angekarrten Touristenmassen zur Schau stellen. Wir überzeugten ihn, dass wir so etwas nicht im Sinne hätten und bekamen von ihm persönlich die Genehmigung für eine Nacht hier zu bleiben.

Am nächsten Morgen mussten wir feststellen, dass die Einwohner dieser Halbinsel Frühaufsteher waren. Denn bereits um 6.30 Uhr klopfte es an unserer Wagentür und ein lautes „Buenos Dias“ drang zu unserem Dachzelt hinauf.  Danach war an schlafen nicht mehr zu denken. Nach dem Frühstück brachen wir auf, Marion und Mario gen Süden, wir gen Norden. Vielleicht kreuzen sich irgendwo auf dieser Erde unsere Wege wieder.
Jetzt aber wartete erst mal der 6.000der auf uns. Der Plan stand fest, als erstes wollten wir beim Basislager vorbei fahren, um uns ein Bisschen umzuschauen und die Lage abzuchecken. Vielleicht gibt’s ja eine Wegbeschreibung. Danach für ein Bisschen Konditionsaufbau eine Wanderung im Canon del Colca einschieben, schliesslich glänzten wir in den letzten Wochen nicht gerade mit viel wandernder Bewegung, um einige Tage später an den Ort des Grossereignisses zurückzukehren.

Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Die Fahrt zum Basislager auf 5.080 m.ü.M.  verlangte Nisto alles ab. Wir hoppelten förmlich von riesigem Kieselstein zu riesigem Kieselstein. Zum ersten Mal auf unserer Reise schlich die Nadel fürs Kühlwasser bedrohlich in Richtung roten Bereichs. Schnell wurde uns klar: Wollten wir Nisto diese Strecke wirklich noch ein zweites Mal antun? Oben angekommen trafen wir auf einen Bergführer mit einem Österreichischen Pärchen, die gerade von der Besteigung zurück kamen. Natürlich löcherten wir sie mit Fragen und nach dem Gespräch war klar, wir gehen das ganze gleich am nächsten Tag an.

Noch bevor die Sonne aufgegangen war, sah man uns um 5 Uhr am nächsten Morgen den ersten Hügel hinaufkriechen. Wahrscheinlich wäre sogar eine Ameise schneller gewesen, aber in der Ruhe liegt die Kraft. Immer einen Schritt vor den andern. Die ersten 500 Höhenmeter liefen ausgesprochen gut. Der Weg war deutlich zu erkennen und die Aussicht umwerfend, wäre da nicht die dünne Luft. Der Herzschlag war so deutlich in den Ohren zu hören, dass man meinen könnte, es möchte hinausspringen und einen zur Rede zu stellen, was das denn alles soll. Je höher wir kamen, desto schwerer wurde es.

Als wir dann Hand in Hand am Fusse des noch 100 Höhenmeter entfernten Gipfels standen und nach oben schauten. In der Zwischenzeit war es uns unmöglich den anderen zu motivieren. Jeder versuchte bei sich noch irgendwo eine Energiereserve  ausfindig zu machen. Aber schnell war klar: So kurz vorm Ziel geben wir nicht auf. Und so sah man uns immer wieder fünf Meter laufen, stehen bleiben, fünf Meter laufen, auf den Weg fallen lassen, … bis wir nach 6 Stunden und 40 Minuten den Gipfel erreichten. Dieses Gefühl zu beschreiben ist fast unmöglich. Direkt neben dem Gipfelkreuz  liessen wir uns nieder und schauten hinab auf die umliegenden Berge.

Noch eine Nacht verbrachten wir im Basislager bevor wir uns am nächsten Tag auf den Weg zum 2.727 m tiefer gelegenen Städtchen Arequipa machten, um uns von den Strapazen zu erholen. Wir hatten keine Ahnung was uns hier erwartet und waren positiv überrascht. Das Stadtzentrum ist geprägt von wunderschönen alten Kirchen und Kolonialbauten. Ihr Zweitname „Weisse Stadt“ rührt noch aus der Kolonialzeit, als nur Weisse hier wohnten. In der Zwischenzeit hat sich dies aber glücklicherweise geändert.

Nach zwei Tagen ausschlafen, Grosstadttumult, Pisco-Soure, Quinoa-Suppe sowie Alpakasteak, führte uns unser Weg frisch und fröhlich weiter zum Canon del Colca, einem der tiefsten Canyon der Erde. Trotz ausgebliebenen Muskelkater, dafür waren wir wahrscheinlich viel zu langsam unterwegs gewesen, sahen wir von einer Wanderung ab. Dafür liessen wir uns die Condore nicht entgehen. So standen wir mit hundert anderen Touristen am Mirador und schauten diesen grossen Vögeln zu, wie sie ihre Kreise über unsere Köpfe zogen. Es ist schon beeindruckend, wie diese Riesen wie Federn durch die Luft gleiten.

Da für unser nächstes Ziel, die Stadt Cusco, bis zum Wochenende Regen angesagt war, nahmen wir uns noch ein Bisschen Zeit und einen kleinen Umweg. Dieser führte uns vorbei an der umfangreichsten Petroglyphengruppe (Ritzzeichnungen) Perus und durch das wunderschöne Valle de los Volcanes. Nicht immer waren wir uns sicher, ob wir den richtigen Weg erwischt hatten, aber das sind wir in der Zwischenzeit ja gewohnt.  Schliesslich erreichten wir die Departamentosgrenze zu Cusco. Wie und ob es dort weitergegangen ist, dann im nächsten Bericht.

Hasta pronto

Markus und Sonja

 

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